
Mittwoch
Eine spannende Zeit am Ufer der Donau erwartet uns. Hinter uns im Auto lagern die demontierten Fahrräder und es wird spät werden wenn wir in Passau ankommen. Für zwei Geschäftsleute unterschiedlicher Branchen wie uns, die dringend einmal eine Auszeit brauchen, werden die bevorstehenden 360 km von Passau nach Wien den Kopf schön frei machen.
Das Hotel „König“ in Passau hat beim Check in einen Stapel Reiseunterlagen für uns, die wir spät abends noch durchgehen.
Die Vorfreude ist groß, die Spannung steigt.
Donnerstag
Das Parken des Autos, das Zusammenbauen der Räder und allerlei anderes Organisatorisches nimmt mehr Zeit in Anspruch als wir eingeplant hatten. Nun aber los! Den Dom mit der größten Orgel Europas und den Zusammenfluß von Inn, Donau und Ilz sehen wir nur im Augenwinkel denn wir rollen schon. Das erste Ziel, die Schlögener Schlinge, ist fern.
Wir brauchen keine Zeit für die Quartiersuche einplanen, denn diese sind vorgebucht – wie bequem! So können wir uns auf die Strecke konzentrieren, auf unser Tempo, an die Schönheiten rechts und links (bewaldete Hänge), unten (die Donau) und oben. Was ist eigentlich oben? Der Himmel, ja und was noch? Wie sieht Österreich hinter dieser Waldkante aus? Die nächste 13%ige Serpentine nach oben ist unsere.
Wir werden mit einem Blick wie von der Bastei in der Sächsischen Schweiz belohnt, erspähen ein Rudel Rehe zwischen Wäldern und Wiesen und landen nach eine Schußfahrt wieder im Tal. Gegenüber im Kloster Engelhardtszell hätte es für uns (lt. Gutschein in den Reiseunterlagen) eine Kostprobe von selbstgemachtem Likör gegeben! Den Spaß hatten wir allerdings auch ohne diesen.
Unser Quartier an der Schlögener Schlinge (die Donau macht hier einen 180° – Knick) bietet uns „Meerblick“ aus dem Dachbodenzimmer vom Feinsten. Mit der Sicherheit, daß das Wetter so prächtig bleibt laut Vorhersage im Juni, fallen wir sehr müde und nach reichlichem Abendessen ins Bett.

Freitag
Heute machen wir Strecke. Es geht nach Linz. Das Tal weitet sich, die Feldkirchener Badeseen laden zur Mittagspause ein, wir finden das rechte Tempo und kommen mit den Einheimischen am Tisch in Kontakt: „Ob wir auf Hochzeitsreise sind…” ;-)
Wirken wir etwa so?
Nein, Radfahrer sind einfach nur glückliche Menschen!
Samstag
Hier in Linz ist Trödelmarkt. Wir flüchten aus diesem Gewühl. Eine große Etappe bis Ardagger liegt vor uns. Am Nachmittag sehen wir auf der anderen Seite der Donau hoch oben auf dem Berg eine Kirche – eine schöne Lage! Unser Quartier hatte auch eine schöne Lage – gleich daneben….
Unsere Hotel-Kategorie der 3. Wahl „in Hotels oder Gasthäusern etwas abseits des Donau-Radweges“ war deutlich geworden. Sehr deutlich war auch das freudige Fest einer Hochzeit unter unseren Fremdenzimmern zu hören. Gegen 3 Uhr morgens war endlich Ruhe eingekehrt.
Pfingstsonntag
Mit kleinen müden Augen hinter der großen Sonnenbrille nehmen wir die nächsten Flußkilometer auf dem Radweg in Angriff. Vorher muß pünktlich um halb neun am Morgen das Gepäck in der Lobby stehen. Nur so werden wir es im nächsten Quartier wiederfinden. In Melk, dem westlichen Eingangstor zur Wachau, erfahren wir von einem Einheimischen beim Essen viel Wissenswertes über diese wunderschöne Region. Das Stift Melk schließt gerade als wir hochkommen und wir werden gerade noch so in die Kirche gelassen. Umso genußvoller radeln wir am Abend noch nach Spitz und wohnen hinterm Tausendeimerberg zwischen den Weinstöcken – herrlich!

Pfingstmontag
Wir sind uns einig – auch wenn es noch früh am Morgen ist, der Wein muß vor Verlassen der Wachau ausgiebig probiert werden. Die entsprechenden Verlockungen lauern hinter den Toren der romantischen Winzerhöfe. Die Zeit vergessen wir auch beim Pendeln mit den Fähren in Höhe von Dürnstein und verpassen das Linienschiff nach Krems um wenige Minuten. Weil wir das Ticket nicht verschenken wollen, machen wir bis zur nächsten Abfahrt einen Rundgang im Ort und setzen uns dann mit baumelnden Beinen an die Anlegestelle. Hier ist bei diesem heißen Wetter ordentlich was los. Zwölf Jugendliche springen vergnügt in die schnell strömende Donau und werden nach kurzer Zeit von uns nur noch als lachend und singend davon schwimmende Köpfe wahrgenommen.

Nach der verlängerten Erholungspause auf dem Schiff nach Krems werden wir, wieder auf den Rädern sitzend, beim Blick auf Stift Göttweig übermütig und stellen uns vor, dort oben lecker zu essen. Nur, wir müssen noch dort hinauf gelangen! Meine Aussage „die nächste Kneipe hier unten wird schon meine sein“ kann ich nicht wahrmachen, denn es gibt keine. Weit und breit sind wir die einzigen Fahrrad-„Athleten“, die sich hier hoch arbeiten; entsprechend groß sind auch die Augen der Gäste, als wir unsere Räder an der Terrasse abstellen. Von Motorradfahrern werden wir respektvoll gegrüßt. Dieser grandiose Rundblick ins weite Land ist der wohlverdiente Kick der ganzen Reise.
Am frühen Abend finden wir uns nach einer schnellen Abfahrt wieder auf dem Radweg am Ufer der Donau ein. Erst jetzt wird uns bewußt, daß wir noch knapp 40 km vor uns haben wenn wir unser Hotel in Tulln erreichen wollen. Als eingespieltes Team rollen wir, später sogar mit Licht, zügig voran, immer „an der Spitze“ abwechselnd.

Dienstag
Es ist nicht zu glauben, was es nachts für Ruhestörungen geben kann! Ein Freilichtkino auf dem Markplatz in Tulln haben wir genau vor unsem Fenster. Und nicht nur das, nachdem das Programm zu Ende scheint, kommen fleißige Männer daher und schaufeln mit lautem Kratzen in den restlichen Nachtstunden den Sand des aufgeschütteten Beach-Volleyball-Platzes wieder weg. Ist das ein Grund, sich im Reisebüro daheim zu beschweren? Ich glaube nicht, denn so ist das Leben.
Heute wollen wir am Abend in Wien sein. Das “Best Western” ist für uns gebucht. Bis dahin haben wir gehörig viel Spaß auf eigentlich eintönigen Radwegen auf dem Damm. Um Mückenschwärmen zu entkommen, erhöhen wir unseren “20er Schnitt” und geraten in die Versuchuchung es mit den “roten Punkten” da vorne aufzunehmen. Wir scheinen ihnen immer näher zu kommen. Denen waren wir doch schon mal begegnet und haben nett miteinander geplaudert. Es liegt einfach in der Luft – wir müssen sie kriegen. Mit großem Schwung sind wir endlich herangekommen und schauen in verdutzte Gesichter. Die Wiedersehensfreude ist groß, die Überraschung von uns Verfolgern perfekt.
Ein Ausruhen nach dieser langen Tour ist in Wien nicht möglich, denn das Gepäck muß zum Bahnhof gebracht werden für die Abfahrt nach Passau am nächsten Morgen.
Am Stephansdom vorbei steigen wir in den Zwölf-Apostelkeller hinab, stärken uns mit Wiener Spezialitäten und ziehen ausgepowert Bilanz:
Es war einfach nur wunderschön!
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